Hier finden sich die Langfassungen der Fachartikel aus den BAGAGE News, die seit September 2022 alle zwei Monate erscheinen. Der nächste Erscheinungstermin ist der 01.Februar 2023.
Die Anmeldung für unseren Newsletter BAGAGE News finden Sie HIER

 

BAGAGE News N° 2 vom 30.11.2022 

Ästhetische Bildung und Kreativität von Anfang an

von Birgit Lüdtke-Brucker

Was ist eigentlich „ästhetische Bildung“ und warum ist die Möglichkeit zu selbständigem kreativem Arbeiten schon für die Kleinsten so wichtig?

Ästhetik heißt wörtlich übersetzt „Lehre des sinnlichen Wahrnehmens“ und unter Bildung verstehen wir die Aneignungsfähigkeit, mit der sich der Mensch ein Bild von der Welt macht.
Demnach bedeutet ästhetische Bildung das Erfassen der Welt mit allen Sinnen. Um die Kinder bei dem für sie so wichtigen „Kennenlernen ihrer Lebenswelt“ zu unterstützen, ist es unsere Aufgabe, ihnen eine große Vielfalt an sinnlichen Eindrücken zu ermöglichen. Wir müssen Gelegenheiten schaffen, in denen sich die Kinder mit den Gegebenheiten ihrer (Um-) Welt aktiv auseinandersetzen können und bereit sein, die daraus folgenden Erkenntnisprozesse aufmerksam und unterstützend zu begleiten. 
Um ein Verständnis ihrer Lebenswelt zu entwickeln, brauchen Kinder vor allem den konkreten Umgang mit Dingen. Ihr Erkennen ist eigentlich immer mit Tun verbunden und besonders gestalterisch-schöpferische Tätigkeiten geben dem Denken der Kinder sichtbaren Ausdruck – die Kinder lernen „handelnd zu begreifen“. Kinder brauchen Raum und Zeit, um die Vielfalt an Sinnesinformationen, denen sie täglich ausgesetzt sind, zu verarbeiten, zu vertiefen, Zusammenhänge herzustellen und komplexe Vorgänge verstehen zu können. Und sie brauchen eine (Lern-) Atmosphäre, die von Vertrauen, Respekt, Toleranz und Wertschätzung geprägt ist - und letztendlich brauchen sie Menschen, die sie in ihrem kreativen Tun begleiten, beraten und ernst nehmen.
Leider steht eben diesen Menschen – also uns Erzieher*innen, Lehrer*innen und Eltern - häufig die eigene Vorstellung der zu erreichenden Ergebnisse im Weg.  So lenken wir, bewusst oder unbewusst, häufig das kreative Handeln der Kinder in eine bestimmte Richtung, die den spontanen „Forscherdrang“ hemmt und eigene Gestaltungsideen verhindert. Also: Raus aus der Ergebnisfalle und sensibel werden für die Wahrnehmung wertvoller Entwicklungsprozesse!
Eine wichtige Voraussetzung für das Anregen dieser kreativen Prozesse ist es, selbst neugierig zu bleiben: Gemeinsam mit den Kindern Fundstücke oder Alltagmaterialien (neu) zu entdecken, zu be- oder verarbeiten, zu erforschen und die gefundenen Erkenntnisse untereinander auszutauschen. 

Dabei ist es sinnvoll, sich schon vorher notwendiges Material- und Funktionswissen anzueignen, um den Kindern bei Bedarf konkrete Hilfestellung und Unterstützung anbieten zu können.
Auch brauchen manche Kinder im selbständigen Tun immer mal wieder Anregungen oder neue Impulse, die Lust machen, weiter zu forschen, zu malen zu bauen und mutig Neues zu entdecken oder zu erschaffen. Die Kunst der idealen (Lern-) Begleitung besteht darin, das richtige Maß zu finden, um freies, interessengeleitetes Tun zuzulassen, aber auch anregende Impulse einzubringen und unterstützende Hilfestellung zu geben, wenn sie nötig ist.

„Ästhetische Bildung ist kein neuer Trend, kein Programm für die Kinder wie Sprachförderung oder Mathematische Früherziehung (…). Sie ist vielmehr unverzichtbar, da sie den Kindern Problemlösungsstrategien für ihr ganzes weiteres Leben in Alltag, Schule und Beruf an die Hand gibt, die sie auch dann anwenden können, wenn keine nachahmbaren Lösungen vorhanden sind und eigene Antworten auf die Herausforderungen des Lebens gefunden werden müssen.“  (D. Braun: Kreativität in Theorie und Praxis, 2011)

 

Birgit Lüdtke-Brucker ist Diplom-Pädagogin, Atelier- und Werkstattpädagogin, freischaffende Künstlerin und künstlerische Leiterin der Pädagogischen Ideenwerkstatt BAGAGE

 

 

 

BAGAGE News N° 1 vom 28.09.2022 

Das Absperrband ist weg

Die schwierige Rückkehr zur offenen Arbeit nach der Pandemie

von Sabrina Stoll

Zwei Jahre Corona-Pandemie haben den Alltag vieler Kitas komplett auf den Kopf gestellt. Qualitativ hochwertige Pädagogik konnte oft nur eingeschränkt stattfinden. Offene Konzepte wurden von jetzt auf gleich aufgelöst und es ging in ein geschlossenes Gruppensystem zurück. Veränderungsprozesse in der Teamarbeit wurden zu einer großen Herausforderung. Wie finden wir nun wieder in unserem Alltag ins offene Arbeiten zurück? Was braucht es dazu?

Fast alle Kindergartenteams, die zuvor mit einem offenen Konzept gearbeitet haben, beschäftigen sich in den letzten Monaten mit diesem Thema. Das System „offene Arbeit in der KITA“ wurde aufgelöst. Einrichtungen, die vor der Pandemie offen gearbeitet haben, stehen vor der besonderen Herausforderung wieder aus dem geschlossen, gruppenorientierten Arbeiten zurück in ein offenes bildungsbereichsübergreifendes Arbeiten zurückzukommen. Die pandemiebedingte geschlossene Arbeit bedeutete auch eine schleichende Rückkehr zur Angebotspädagogik. Nun stellt sich die Herausforderung, wieder zu einer bedürfnisorientierten Beantwortungspädagogik zu kommen. Auf diesem Weg ist es wichtig, nichts zu überstürzen, sondern die Schritte zurück ins offene Arbeiten behutsam anzugehen. Schließlich ist es unsere zentrale Aufgabe, die Interessen der Kinder im Blick zu haben, dann erst beschäftigen wir uns mit der Dynamik im Team.

 

stressreduzierte Bildung und Betreuung

Deshalb ist die wichtigste Frage, wie es gelingen kann, die Kinder in diesen Prozess der Öffnung einzubeziehen. Wie können wir sicherstellen, dass sich die Kinder mit ihren Fragen und Wünschen ernst genommen fühlen und zu aktiven Mitgestaltern dieser Entwicklung hin zur Öffnung werden? 

Voraussetzung für das Gelingen ist die Haltung im Team zur Partizipation. Alle Teammitglieder müssen es mittragen können, dass die Kinder mitentscheiden, wie Räume neu gestaltet werden und wie der Tagesablauf aussehen soll. Welche gemeinsamen Rituale oder Aktionen sollen wieder eingeführt werden und welche Regeln sollen gelten? Soll der Morgenkreis abgeschafft und Kinderkonferenzen einberufen werden?

Wir sollten den Kindern mit tiefem Respekt begegnen und wieder verstärkt darauf achten, dass Kinder von sich aus neugierig, interessiert und forschend auf die Welt zugehen. Sie brauchen ein Gegenüber, das ihnen hilft, sich ihr Verständnis der Welt zu konstruieren. All das ist in den letzten beiden Jahren viel zu kurz gekommen und es ist zu viel über die Köpfe der Kinder hinweg entschieden worden, ohne auf deren Bedürfnisse und Bindungen zu achten. Das begann schon mit der Entscheidung, dass Gruppen getrennt wurden. Damit wurden auch wichtige Bezugspersonen weggenommen und Freundschaften getrennt. Der „sichere Hafen“ wurde einfach von heute auf morgen aufgelöst. 

Der Stresslevel der Kinder war in dieser frühen Pandemiezeit so hoch wie noch nie. Stress führt zu einer vermehrten Ausschüttung des Stresshormons Cortisol. Aus der Hirnforschung wissen wir, dass ein dauerhaft hohes Cortisol-Niveau im Laufe des Tages zu Beeinträchtigungen der kindlichen Gehirnentwicklung führen kann. 

Damit wird deutlich, wie wichtig es ist, dass wir Fachkräfte den Rahmen dafür gestalten, dass sich die Kinder wieder sicher und geborgen fühlen, wenn sie in der Kita ankommen, dass sie wieder ihren Raum haben um die Welt zu erforschen und sich zu bilden. 

 

Teamqualität

Dazu braucht es ein fachlich kompetentes und gut funktionierendes Team, das sich seiner Verantwortung bewusst ist, Pädagogik auf höchstmöglichem Niveau zu leisten. Eine gute Pädagogik steht und fällt mit einer authentischen Teamkultur und einem guten Zusammenhalt innerhalb des Teams. Die Praxis zeigt, dass sich viele Teams wieder neu zusammenfinden müssen nach dieser Zeit der Restriktionen. Das geht nicht immer schnell und fordert Geduld und Aufarbeitung: Wie erging es uns in dieser Zeit? Was fällt uns aktuell schwer in diesem Prozess der Öffnung? Wo muss ich vielleicht auch als Fachkraft wieder aus meiner Comfort-Zone heraus? 

Für manche Fachkräfte war es tatsächlich eine Erleichterung, nur für eine Gruppe zuständig zu sein und sich nicht ständig mit allen Kolleg:innen absprechen zu müssen. Manche sagen, sie fanden es schön, in der geschlossenen Gruppe zu arbeiten, das habe doch gut funktioniert. So muss vielleicht neue Überzeugungsarbeit geleistet werden um die Vorteile des offenen Konzeptes sichtbar zu machen. Wir Fachkräfte müssen uns in Selbstreflexion üben: 

Wie ist meine Haltung dem einzelnen Kind gegenüber? Welches Bild habe ich vom Kind? Wie ist meine Haltung dem Team gegenüber? Und wie stehe ich zum Konzept der offenen Arbeit?

Schließlich müssen Kitateams sich darauf verständigen, wo ihre gemeinsamen Ziele liegen. Die Formulierung von klaren Zielen gibt dem Team Orientierung, um das pädagogische Handeln voranzubringen. Für was stehen wir als Team? Welche Schritte gehen wir gemeinsam, um wieder eine gute Zusammenarbeit im Team zu haben und eine gute Teamkultur zu leben? Und was braucht es eventuell an Unterstützung von außen? 

Wesentlich bei diesem Prozess ist es, jedes Teammitglied dort abzuholen wo es gerade steht mit all seinen Sorgen und Ängsten. Dafür müssen wir eine vertrauensvolle Teamatmosphäre und einen angstfreien Raum herstellen, in dem sich die Kolleg:innen öffnen können. 

Hilfreich ist es, sich die Ressourcen im Team genau anzuschauen und sich derer bewusst zu werden. Dann können wir sie in Zukunft besser nutzen und mit ihrer Hilfe Krisensituationen und Stressmomente besser meistern. Ein achtsamer Umgang miteinander erweitert unsere Wahrnehmung und hilft, uns positive Emotionen im Arbeitsalltag erlebbar zu machen. Mit diesen positiven Emotionen vergrößern wir unsere Ressourcen und schaffen tragfähige Beziehungen innerhalb des Teams.

Zum Beispiel kann jedes Team in der wöchentlichen Dienstbesprechung mit einem positiven Blitzlicht starten oder wir gehen in die Woche mit dem Slogan „Wir machen die Woche der gemeinsam geteilten Freude!“ 

Alle pädagogischen Fachkräfte teilen das Ziel, dass die Kinder bei uns und in unseren Einrichtungen gut aufgehoben sind. Dafür brauchen wir immer wieder den Mut zur Veränderung und das Vertrauen, dass wir diesen Weg aktiv, konstruktiv und gemeinsam gehen können.

 

Sabrina Stoll ist Leiterin einer Kita, Multiplikatorin zum infans-Konzept, Fachwirtin für Organisation und Führung und Referentin von BAGAGE

Zum gleichen Thema bieten wir am 15.03.2023 eine Fortbildung mit Sabrina Stoll an. Hier geht es direkt zur Anmeldung

„Jede Veränderung birgt das Risiko des Scheiterns. Aber sie macht dich auch stärker, mutiger und bringt dich deinem eigentlichen Ziel immer näher.“ 
(Verfasser unbekannt)