BAGAGE News N° 13 vom 02.02.2026
Psychomotorik – Ganzheitliche Entwicklungsbegleitung
Ein Gespräch mit der Psychomotorik-Lehrerin Kathleen Bornfleth
von Friedemann Köngeter
Am Rande des Seminars „Sprache braucht Bewegung“ konnte ich mit unserer Psychomotorik-Referentin Kathleen Bornfleth über den Ursprung des Konzeptes und das derzeit steigende Interesse an Psychomotorik sprechen. Immer wieder hatte ich den Namen Renate Zimmer gehört. Sie war und ist zwar die bedeutendste Multiplikatorin des Konzeptes, aber nicht seine Erfinderin.
Ernst „Jonny“ Kiphard hat das Konzept in Deutschland etabliert und gilt als Erfinder der Psychomotorik. In den 1950er Jahren gab es allerdings den Begriff Psychomotorik noch nicht. Zunächst hieß es psychomotorische Übungsbehandlung, im Zuge der Verwissenschaftlichung in den 80er Jahren hin zur Motologie nannte man das Konzept dann vorübergehend Motopädagogik. Erst im Zuge der Integration der psychomotorischen Konzepte in ganz Europa einigte man sich Ende der 90er Jahre auf den Überbegriff Psychomotorik.
Jonny Kiphard war ursprünglich ein bekannter Zirkusartist und Clown. Er hat größten Wert daraufgelegt, die Kinder gleichzeitig zum Lachen und in Bewegung zu bringen. Kiphard wurde Sportlehrer und zeigte wenig Interesse daran, mit Leistungssportlern zu arbeiten. Viel mehr reizte ihn die Arbeit mit Kindern mit Einschränkungen. So wurde er Bewegungstherapeut für behinderte Kinder und seine Lieblingsrolle blieb der Clown. Der Clown werde von Behinderten als Verbündeter verstanden, sagt Kiphard. Auch für nichtbehinderte Kinder hat der Clown eine hohe Bedeutung: Er bewahre das Paradies der Kindheit in sich, meint Kiphard. Humor und Lachen haben bei ihm immer dazu gehört. Ernst „Jonny“ Kiphard ist leider 2010 verstorben.
Unsere BAGAGE-Referent: innen Kathleen Bornfleth und Jürgen Schindler haben das Konzept noch von Jonny Kiphard, aber maßgeblich u.a. von Renate Zimmer gelernt. Sie ist heute zwar nicht mehr als Professorin aktiv, war das aber sehr lange. Alleine die „Psychomotorische Förderstelle“ an der Universität in Osnabrück gibt es seit 1978. Jonny Kiphard hat Renate Zimmer allerdings erst in den 80er Jahren persönlich kennengelernt. Ihr haben wir es zu verdanken, dass Psychomotorik heute so verbreitet ist. Sie hatte einen Lehrstuhl als Sportwissenschaftlerin in Osnabrück inne und war Vorstandsvorsitzende des Niedersächsischen Instituts für frühkindliche Bildung und Entwicklung (nifbe). Erst sie machte das Konzept durch zahlreiche Buchveröffentlichungen zu psychomotorischen Themen bekannt. Diese Bücher sind leicht lesbar, und immer sehr nahe an der Praxis.
Der Begriff „Psychomotorik“ ist ein spannendes Thema, bei dem Kathleen zunächst schmunzeln muss. Die Psychomotorik begann Anfang der 2000er Jahre, sich von der Motopädagogik abzugrenzen. Jürgen und Kathleen arbeiteten damals in einem „Verein zur Bewegungsförderung“, der sich zum Großteil über Reha-Rezepte finanzierte. Die Diagnosen, die dem Rezept zugrunde lagen, waren jeweils rein körperliche. Seit 2010 hat sich der Verein von dieser Finanzierung gelöst und nennt sich Psychomotorikverein, um zu verdeutlichen, dass sich Bewegung und Psyche bedingen. Es wird die Bewegungsfreude der Kinder genutzt, um ihnen Kompetenzerfahrungen zu ermöglichen, die wiederum positiven Einfluss auf ihre Psyche haben.
Unter der Psyche versteht Kathleen das Selbst, das Selbstbild, das Selbstkonzept und den Selbstwert. Dies ist wichtig, um zu verstehen, warum es zwar immer um Bewegung geht, aber niemals um einen Wettbewerb der Bewegungen. Die Motorik hat Einfluss auf die Psyche ebenso wie die Psyche Einfluss auf die Bewegungsfähigkeit hat. „Wenn ich die Bewegungen eines Kindes sehe, weiß ich wie es ihm geht.“ sagt Kathleen. Über die Motorik können wir uns selbst stärken. Das habe nichts mit Therapie zu tun, sondern nur mit Pädagogik.
Möglicherweise erlebt die Psychomotorik derzeit einen Aufschwung dadurch, dass „herausforderndes Verhalten“ von Kindern mittlerweile in aller Munde ist. Endlich werden die Erzieher: innen und ihr Beruf ernst genommen als eine anspruchsvolle und komplexe Arbeit. Niemand sagt mehr: „Ihr spielt doch nur mit den Kindern“.
Kathleen widerspricht der Auffassung, dass herausforderndes Verhalten, Sprachstörungen und Neurodivergenz in den letzten Jahren sprunghaft ansteigen. Bisher haben alle Generationen gesagt, dass „es“ immer schlimmer werde. Für Kathleen liegt der Unterschied darin, dass man heute genauer hinschaut. Sie selbst musste als Kind um 18:00 Uhr zuhause sein, was sie bis dahin gemacht hat, hat die Erwachsenen kaum interessiert, sagt sie. Ob sie groben Unfug angestellt hat oder sprachlich auffällig war, fiel nicht so ins Gewicht. Heute seien Kinder so gut wie gar nicht mehr unbeobachtet, mindestens auf ihr urbanes Umfeld treffe das zu. Der kindliche Alltag wird weitgehend von Erwachsenen organisiert.
Die Seminare bei BAGAGE sind eigentlich dafür gedacht, den Alltag im Kindergarten zu erleichtern. Kathleen wird während des Kurses aber sehr häufig nach Themen um sprachauffällige Kinder und Sprachförderung gefragt. Auf den Störungen liegt der Fokus der Teilnehmenden, auch wenn das Seminar gar nicht so ausgeschrieben ist. „Wir reden dann zwei Tage über Auffälligkeiten in der Sprachentwicklung und Sprachstörungen.“
Schließlich berichtet Kathleen von einem Dreijährigen mit einem Herzfehler und seiner Mutter. Ihre größte Sorge war wohl, ob der Filius aufs Gymnasium kommen wird. Als Kathleen ihr das nicht versichern möchte, fragt sie voller Entsetzen: „Dann wird er nur Sozialpädagoge?“
Anstatt sich zu freuen, dass ihr Sohn nach drei schweren Jahren weitestgehend „normal“ leben konnte, trieb die Mutter die Angst vor dem Bildungssystem um. In unserer Norm- und Leistungsgesellschaft braucht es umso mehr Fachkräfte, die die Stärken der Kinder sehen und stärken und sie mit Begeisterung, Lebensfreude und Wertschätzung ein Stück ihres Lebensweges begleiten – Psychomotorik eben.